Landpost und Landposttarif

Vor 1830

Vor 1830 existierte die Landpost als organisierter Dienst nicht wirklich, obwohl es in einigen ländlichen Gemeinden – außerhalb der Ortschaft, in der sich das Postamt befand – möglich war, Post zu Hause zu empfangen.

Diese Post wurde in der Regel von Boten transportiert, die von den Gemeinden oder Präfekturen angestellt waren. Diese Boten erhielten eine vereinbarte Vergütung, wenn sie die Post direkt an Privatpersonen auslieferten, ohne dabei die Interessen der Gemeinden zu beeinträchtigen.

Allerdings waren die Zustellkosten für die Empfänger hoch: Die Briefe unterlagen nicht nur dem regulären Posttarif, sondern auch zusätzlichen Gebühren für die Hauszustellung. Die Empfänger hatten zwar die Möglichkeit, ihre Post im nächstgelegenen Postamt abzuholen – wussten jedoch oft nicht, dass dort Sendungen für sie bereitlagen.

Infolgedessen wurde eine erhebliche Anzahl von Briefen nie abgeholt. Dieses Phänomen betraf jährlich etwa 300.000 unzustellbare Briefe.

Am 1. August 1828 veröffentlichte der Abgeordnete des Departements Isère, Charles Sapey, ein Dokument mit dem Titel „Opinion sur le projet de compléter le service des postes en France“ (Meinung über den Plan, den Postdienst in Frankreich zu ergänzen). Darin schlug er eine systematische Organisation der Hauszustellung vor – mit einer Zustellung alle zwei Tage in Gemeinden ohne eigenes Postamt.

Inspiriert von diesem Vorschlag wurde am 3. Juni 1829 das Gesetz über den Landpostdienst verabschiedet, das am 1. April 1830 in Kraft trat. Diese Reform legte die Grundlage für einen organisierten Landpostdienst und ermöglichte eine bessere Zugänglichkeit der Post für die Bevölkerung in ländlichen Gebieten.

Loi du 3 juin 1829 instaurant le service postal rural
Loi du 3 juin 1829 instaurant le service postal rural
Loi du 3 juin 1829 instaurant le service postal rural, suite.
Loi du 3 juin 1829 instaurant le service postal rural, suite.

1830 und danach

Ab dem 1. April 1830 führte die Postverwaltung eine umfassende Reform durch, um den Zugang zum Postdienst in ländlichen Gebieten zu verbessern.

Mehr als 35.000 Gemeinden, die über kein eigenes Postamt verfügten, wurden mit Briefkästen ausgestattet. Gleichzeitig wurden 5.000 Briefträger eingestellt, um in diesen Gemeinden die Zustellung und Sammlung der Post sicherzustellen – mit einer Zustellfrequenz von einmal alle zwei Tage. Ein Teil dieser neuen Briefträger wurde aus bereits aktiven Boten rekrutiert, wodurch deren lokale Erfahrung genutzt werden konnte.

Im Vorfeld dieser Umsetzung verfasste die Post im März 1830 eine Dienstanweisung für die Landpost, die sich an alle Mitarbeiter der Briefpostämter richtete. Dieses Dokument legte die Modalitäten und Regeln für den Betrieb des Landpostdienstes fest, um eine einheitliche Anwendung im gesamten Staatsgebiet zu gewährleisten.

Bis 1832 erfolgten die Zustellung und Sammlung der Post in den Landgemeinden jeden zweiten Tag. Das Gesetz vom 3. April 1832 (§ 47) legte jedoch fest, dass ab dem 1. Juli 1832 die Touren der Landbriefträger täglich stattfinden sollten.

Obwohl dieses Gesetz einen ehrgeizigen rechtlichen Rahmen schuf, verlief seine Umsetzung nur schleppend. So wurde im Département Nord erst im Jahr 1850 in jeder Gemeinde eine tägliche Zustellung eingeführt – ganze 18 Jahre nach Verabschiedung des Gesetzes.

Diese lange Übergangszeit verdeutlicht die logistischen und personellen Herausforderungen, mit denen sich die Postverwaltung konfrontiert sah, um ihre Dienstleistungen auszuweiten. Finanzielle Engpässe, Schwierigkeiten bei der Rekrutierung sowie die Versorgung eines großen, teils abgelegenen Gebiets erklären die erheblichen Verzögerungen bei der Umsetzung dieser Reform.

Anwendung des Landposttarifs

Der Land- und Nahbereichstarif war günstiger als der Inlandstarif und galt in vier Fällen:

1. Für einen Brief, der innerhalb der Stadtgrenzen einer Stadt mit einem Postamt (unabhängig von dessen Klassifizierung) befördert wurde.

2. Für einen Brief, der von der Stadt mit Postamt in eine Gemeinde ohne eigenes Postamt befördert wurde, die diesem Postamt unterstellt war. Die Stadt mit Postamt und die ihr angeschlossenen Gemeinden bildeten das ländliche Arrondissement dieses Postamts.

3. Für einen Brief, der zwischen dem ländlichen Arrondissement eines Postamts und den ländlichen Arrondissements der von diesem Postamt abhängigen Postagenturen befördert wurde.
Postämter oder Postverwaltungen kontrollierten damals ein oder mehrere Postagenturen.

Postagenturen waren Nebenstellen von Postämtern. Die angebotenen Dienstleistungen waren sehr begrenzt, und die Agenturen wurden von nur einer Person betrieben.

Postämter oder Postverwaltungen führten alle postalischen Aufgaben aus. Dort arbeiteten ein Direktor sowie mehrere Mitarbeiter verschiedener Ränge.

Die ländlichen Arrondissements der einem Postamt unterstellten Postagenturen sowie das ländliche Arrondissement des Postamts selbst bildeten gemeinsam den Postbezirk eines Postamts.

In diesen ersten drei Fällen gab es insgesamt 18 mögliche Beförderungsrouten für einen lokalen Brief.

4. Für einen Brief, der zwischen zwei Postämtern oder Postverwaltungen sowie zwischen deren ländlichen Arrondissements befördert wurde.
Dieser Fall war relativ selten, da es nur 19 Situationen gab, in denen zwei Provinz-Postämter den Nahbereichstarif für Briefe zwischen ihren ländlichen Arrondissements anwandten.

Dieser Tarif wurde als „Tarif der vereinigten Postämter“ (Tarif des Recettes Réunies) bezeichnet.

Im Département Nord gab es zwei solcher Fälle:

LILLE / MOULINLILLE / FIVES
VALENCIENNES / ANZIN

Diese Postämter lagen sehr nahe beieinander, und die Nutzer verstanden nicht, warum der Inlandstarif anstelle des Nahbereichstarifs angewendet werden sollte.

Die Einführung des Landpostdienstes verursachte erhebliche Kosten, die durch zusätzliche Einnahmen sowie eine feste Abgabe ausgeglichen werden sollten.

Diese Abgabe, bekannt als Decime für ländliche Abholung und Zustellung (Décime rural supplémentaire), wurde nur einmal erhoben – selbst wenn der Brief in einer ländlichen Ortschaft aufgegeben und ebenfalls an eine ländliche Ortschaft adressiert war (siehe Artikel 10 der Instruktion von 1830).

Die zusätzliche Landzustellungs-Decime wurde am 1. Januar 1847 gemäß dem Gesetz vom 3. Juli 1846 abgeschafft.

Lokale Korrespondenz und die Entwicklung des Nachportos

Von Anfang an bestand der Großteil der lokalen Post aus Portobriefen. Es gab nämlich keinen finanziellen Vorteil, einen Brief im Voraus zu frankieren, da die Kosten für Portobriefe und Frankobriefe identisch waren. Zudem entsprach das damalige System eher der Logik der Portobriefe: Wenn die Post die Gebühren einnehmen wollte, musste sie die Zustellung des Briefes sicherstellen.

Im Gegensatz dazu konnte eine bereits frankierte Sendung weniger Aufmerksamkeit erhalten, und das Frankieren erforderte zudem häufig den Gang zum Postamt – das nicht immer in unmittelbarer Nähe lag.

Die Einführung der Briefmarke hatte zunächst keinen bedeutenden Einfluss auf diese Praxis. Erst am 1. Juli 1854 führte die Postverwaltung eine Frankierprämie für den Inlandstarif ein, wodurch der Preis eines Frankobriefes günstiger wurde als der eines Portobriefes.

Die Frankierprämie für den Land- und Nahbereichsposttarif

Die ländliche Post war von dieser Reform zunächst nicht betroffen, sodass Portobriefe weiterhin die Mehrheit blieben.

Um dies zu ändern, wurde am 1. Januar 1863 die Frankierprämie auch für den Land- und Nahbereichstarif eingeführt.

Wie bereits beim Inlandstarif erwies sich diese Maßnahme als großer Erfolg: Die Anzahl der frankierten Briefe stieg erheblich an, was zur Steigerung der Rentabilität des Postdienstes beitrug.

Das Ende des Landposttarifs

Nach der Einführung der Frankierprämie blieb der Landposttarif weitgehend unverändert. Er blieb stabil, bis er am 1. Mai 1878 endgültig abgeschafft wurde.

Der Landpostdienst im Departement Nord

Der Landpostdienst im Département Nord im 19. Jahrhundert

Obwohl das Departement Nord dicht besiedelt war, blieb es im 19. Jahrhundert größtenteils ländlich geprägt. Die Landbevölkerung lebte oft isoliert – sowohl vom Staat als auch von aktuellen Ereignissen auf lokaler und nationaler Ebene.

In diesem Kontext spielte der Landbriefträger eine zentrale Rolle. Er war nicht nur Vertreter der Verwaltung, sondern auch eine Verbindung zur Außenwelt. In seiner staatlichen Uniform brachte er Neuigkeiten und half, die Isolation der ländlichen Gemeinden zu durchbrechen.

Eine Herausforderung für die Postverwaltung

Der Landposttarif, der eng mit dem Landpostdienst verbunden war, spiegelte die Schwierigkeiten wider, mit denen die Postverwaltung bei der Einführung eines effizienten Systems konfrontiert war.

Obwohl bereits 1832 tägliche Briefträgertouren beschlossen worden waren, verzögerte sich deren Umsetzung im Département Nord erheblich. Erst im Jahr 1850 – also 18 Jahre später – erhielten alle Gemeinden des Departements eine tägliche Postzustellung.

Zahlreiche Herausforderungen erschwerten die Umsetzung:

– Die geringe Anzahl von Postämtern erschwerte die Versorgung großer ländlicher Gebiete.
– Viele Gemeinden lagen weit entfernt vom nächstgelegenen Postamt, und die ländlichen Arrondissements umfassten oft mehr als 30 Gemeinden – was die logistische Organisation erheblich erschwerte.
– Die Touren der Briefträger waren nicht immer effizient geplant, sodass viele Bewohner ihre Post erst am späten Nachmittag erhielten – mangels ausreichender Ressourcen.

Der Landpostdienst stellte zwar einen Fortschritt für die Landbevölkerung dar, bedeutete für die Postverwaltung jedoch eine enorme organisatorische Herausforderung.

Die ländliche Post: Ein geringer Anteil

Trotz der Bedeutung dieses Dienstes für ländliche Gemeinden blieb die Zahl der lokalen Briefe – also der innerhalb desselben Postbezirks aufgegebenen und zugestellten Sendungen – im Département Nord gering.

Laut der postalischen Erhebung vom 15. bis 28. November 1847 erhielt jeder Einwohner durchschnittlich weniger als 0,3 lokale Briefe pro Jahr. Diese Hochrechnung verdeutlicht die geringe Nutzung der lokalen Postdienste.

Von insgesamt 42.147 während dieser Erhebung in den Gemeinden des Departements Nord erfassten Briefen waren:
– 33.686 territoriale Briefe (zwischen verschiedenen Postbezirken)
– 8.461 lokale Briefe (innerhalb eines Postbezirks)

Die Erhebung bezog sich auf 785.053 der insgesamt 1.132.980 Einwohner des Departments. Sie zeigt, dass die Rückmeldungen der Postämter oder Postagenturen nicht vollständig waren, da diese nur verpflichtet waren, Statistiken für Gemeinden mit Postamt zu übermitteln.

Erkenntnisse aus der Erhebung von 1847

Diese Erhebung liefert wertvolle Informationen über den Betrieb des Landpostdienstes. Sie gibt nicht nur Aufschluss über die Anzahl der versandten und empfangenen Briefe pro Gemeinde, sondern auch über logistische Aspekte – wie beispielsweise die Standorte der Briefkästen.

So zeigte sich etwa, dass Briefkästen nicht systematisch am Rathaus angebracht waren. Dies verweist auf lokale Unterschiede in der postalischen Organisation.

Um das Thema weiter zu vertiefen

Es gibt nicht viele, aber sehr umfassende Bücher. Sie ermöglichen Ihnen einen schnellen Einstieg in das Thema:

- Histoire de la Poste en milieu rural: Marino CARNAVALE-MAUZAN. GENOBLE 1994

- Le port local de la lettre ordinaire en Province. Tome 1. 1800/1858 : Pascal CHOISY. Editions André RUPP. 16, avenue Robert Schuman 68100 MULHOUSE

- Contribution à l'étude de la poste en milieu rural dans le département du Nord : Paul STOPIN, 47 av. F. Mitterand 59494 PETITE FORET. 2000

- Les tarifs postaux français (Editions Brun et fils1989): ALEXANDRE, BARBEY, BRUN, DESARNAUD et JOANY (Editions Brun et fils 1989)

- Etre facteur dans le Nord (1830-1940) M. MARGUERIT, C. DA FONSECA. Comité pour l'Histoire de la Poste.

- Introduction à l'Histoire postale des origines à 1849.M. CHAUVET(Editions Brun et fils 2002)

- Introduction à l'Histoire postale de 1848 à 1878.M. CHAUVET(Editions Brun et fils 2002)

- Enquête postale de 1847. BNF Richelieu, Fond français 9787-10129.

- Instruction Générale sur le Service des Postes de 1832, Tomes 1,2,3. Réimpression société des amis du musée de la Poste.

- Instruction spéciale sur le service des Distributions de 1834. Réimpression société des amis du musée de la Poste.

- Instruction Générale sur le service des postes de 1856. BNF , Gallica.

- Instruction Générale sur le service des postes de 1868. BHPT(Paris) cote PB28

Um sich mit den französischen Posttarifen vertraut zu machen, ohne unbedingt die Postvorschriften konsultieren zu müssen: les tarifs postaux français de Jean-Louis Bourgouin.